{"id":168,"date":"2014-03-18T05:00:14","date_gmt":"2014-03-18T04:00:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.rijo-travel.de\/?p=168"},"modified":"2020-11-29T20:35:00","modified_gmt":"2020-11-29T19:35:00","slug":"palaestina-maerz-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rijo-travel.de\/?p=168","title":{"rendered":"Pal\u00e4stina, Abschiedsreise Baba &#8211; M\u00e4rz 2014"},"content":{"rendered":"<!--themify-builder:block-->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":73,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[40],"tags":[45,46,47,44,22,42,43,41],"class_list":["post-168","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-40","tag-45","tag-abschiedsreise","tag-baba","tag-filastin","tag-maerz","tag-palaestina","tag-palaestina-2","tag-palestine","has-post-title","has-post-date","has-post-category","has-post-tag","has-post-comment","has-post-author",""],"builder_content":"<p>Palaestina 18. - 24. Maerz, 2014<br \/>Seit der Reise sind weniger als 2 Monate vergangen. Es war eine Abschiedsreise. Abschied von Abu<br \/>Mazen, der zwischenzeitlich seinen Krebsleiden erlegen ist, Vatis Abschied von vielen seiner Generation,<br \/>die er, wenn es das gibt, wohl erst in naechsten Leben sehen wird.<br \/>Als ich im Sommer 2013 meinem frisch operierten Fuss in Deutschland auf unserer Terrasse in Aich<br \/>auskurierte, kamen Vaters Bruder, Onkel Majed aus Kanada, und sein Cousin, Onkel Jamal aus Prag<br \/>angereist. Sie wollten Vater einpacken und mitnehmen nach Jordanien und Palaestina. Mir war klar,<br \/>dass die beiden alten Herren das nicht schaffen wuerden, und so habe ich es auch nicht forciert. Auch<br \/>Baba war klar in seiner Aussage, mit den beiden wolle er nicht reisen, wohl jedoch mit mir. So fasste ich<br \/>den Plan, diese Reise im Maerz mit ihm gemeinsam anzutreten, wohl wissend, dass es in letzter Minute<br \/>eventuell doch nicht stattfinden wuerde, dass Baba im allerletzten Moment noch einen Rueckzieher<br \/>machen koennte. Er lebt seit 2 Jahren im Voehringerheim in Nuertingen, unserem ersten Wohnsitz, da<br \/>er aufgrund einer ausgepraegten Alterdepression nicht mehr allein leben konnte und sich eine<br \/>Unterbringung im Heim in oder um Hamburg, seinem bisherigen Wohnsitz, als ueberaus schwierig<br \/>erwiesen hatte, da mein Bruder Masin und ich nicht eben um die Ecke leben: ich in den VAE, Masin am<br \/>Bodensee.<br \/>Im Vorfeld zur Reise liess ich mir von ihm immer wieder bestaetigen, dass er zu dieser Reise bereit ist,<br \/>bereitete mit Hilfe seiner liebevollen Betreuerin, meiner Freundin Basma alles vor: Reisepass<br \/>beantragen, Gebiss richten, Kleider einkaufen, bzw. waschen. Ich flog einige Tage vor dergeplanten<br \/>Abreise nach Tel Aviv nach Stuttgart, um die letzten Vorbereitungen zu treffen: Medikamente fuer zwei<br \/>Wochen in Apotheker-Boxen, Rollator von der lieben, ewig hilfsbereiten Tanja, letzte Einkaeufe, Koffer<br \/>packen, etc.<br \/>Josef sollte aus Amman dazu stossen. Er flog direkt von Dubai nach Amman und ueberquerte die Grenze<br \/>auf dem Landweg, die so genannte Allenbruecke. Ich hatte auf Anraten meines Cousins Mazen<br \/>beschlossen, nicht nach Amman zu reisen, um den Landweg zu nehmen, sondern direkt nach Tel Aviv zu<br \/>fliegen, wohin uns Mazen ein Taxi beordert hatte, das uns den ganzen weg nach Ramallah bringen sollte.<\/p><p><\/p><p>Meine letzte Reise war 2002 gewesen, und damals konnte man durch die vielen israelischen CheckPoints nicht hindurch fahren. Man musste an einer Seite aussteigen, durch in Schlangelinien aufgebaute<br \/>Panzersperren hindurch laufen, immer unter der Beobachtung diverser israelischer Soldaten auf<br \/>Wachtuermen, und auf der anderen Seite in ein anderes Taxi einsteigen. Ich hatte keine Ahnung wie es<br \/>sich nun gestalten wuerde und wie ich Baba, 2 Koffer, und den Rollator da hindurch manoevrieren<br \/>wuerde. Mich grauste davor.<br \/>Die Fluege verliefen ruhig und, Gott sei Dank, ereignislos. Ich hatte uns optimistisch Fenster und Gang in<br \/>einer Dreierreihe reserviert, in der Hoffnung, dass der Fensterplatz frei bleibt. Aber aehnlich wie<br \/>Suedkorea, dass nur per Flugzeug erreichbar ist und wo deshalb die Fluege rund um's Jahr voll sind, ist<br \/>es auch Israel. Dieses kleine Land liegt voellig isoliert. Und aehnlich wie die Suedkoreaner, sind auch die<br \/>Israelis vielleicht gerade deshalb, weil sich das Leben so klaustrophopisch anfuehlt, sehr reiselustig. Nun<br \/>ja, es quetschte sich ein junger Israeli in unsere Mitte, und nachdem Baba am Gang sass, bot ich dem <br \/>jungen Mann meinen Fensterplatz an, damit ich ein Auge auf Baba haben konnte. Mein Sitznachbar<br \/>stellte sich als ueberaus gespraechig heraus: er arbeitet fuer Microsoft in Seattle in den USA und war auf<br \/>Dienstreise und Familienbesuch nach Israel unterwegs. So sehr ich mich um Objektivitaet im Umgang<br \/>mit Israelis bemuehe, so sehr ich versuche, in der mir anerzogenen Tradition der Demokratie und<br \/>Gleichheit zu denken, es faellt mir schwer. Der wollte mir weissmachen, dass es in der West Bank keine<br \/>Siedlungen gibt, nur Aussenposten einiger Verrueckter! Ebenfalls wollte er mir weissmachen, die<br \/>Ergebnisse der Olsoer und Madrider Friedensgespraeche seien durch die gewaltsame 2. Intifadha<br \/>ausgehoehlt worden. Es war schwer, mich daran zu hindern, ihn zu schuetteln und zu fragen, von<br \/>welchem Planeten er eigentlich kommt! Das Gespraech mit ihm verfolgte mich die ganze Reise hindurch.<br \/>Vor Baba sass ein Orthodoxer: haarig, ungekaemmt. Sie sind mir zutiefst suspekt; genau wie die<br \/>baertigen Muslime mit ihren zu kurzen Kandoras und ihren schwarzen Socken und der Gebetsschwiele<br \/>an der Stirn.<br \/>Ansonsten hatte ich nicht das Gefuehl, mit Lufthansa zu fliegen. Es fuehlte sich eher an wie German<br \/>Wings oder Fly Dubai. Alles \"low budget\", bloss kein Sevice, bloss kein Komfort. Ziemlich beschaemend.<br \/>Der Weg nach Ramallah war einfacher als gedacht: Die Unfreundlichkeit des isrealischen<br \/>Flufhafenpersonals war wie immer (Da koennten selbst die angeblich so service-unfreundlichen<br \/>Deutschen noch einen Preis gewinnen im Vergleich!); auch hatte ich Baba als Rollstuhlgast angemeldet,<br \/>was in Stuttgart bei Abreise und in Frankfurt im Transit auch gut funktionierte, jedoch in Tel Aviv ein<br \/>bisschen hoperig war, denn der immerhin doch recht freundliche Herr, der uns mit einem Elektroauto<br \/>mit 50 km\/h durch die Menschenmenge kurvte, schuettete uns vor der Passkontrolle aus seinem Auto<br \/>und meinte, nun sei es ja nicht mehr weit - ausser, dass ich ja nun Koffer, Baba und Rollator zu<br \/>jonglieren hatte. Baba war mittlerweile ziemlich zitterig auf den Beinen, und der Rollator kam und kam<br \/>nicht. Ich setzte Baba auf einen Stuhl und bat ihn, dringendst dort sitzen zu bleiben, bis ich alles<br \/>zusammen habe, was er prompt nicht tat. Ploetzlich sehe ich seinen Kopf in der Menschenmasse<br \/>verschwinden! Keine Ahnung, wo ich ihn haette suchen sollen, wenn ich ihn nicht, einer Eingebung<br \/>folgend, vom Gepaeckband aus im Auge behalten haette. Ich setzte ihn wieder auf seinen Platz und ging<br \/>auf die Suche nach dem Rollator. Um ihn zu bekommen, musst ich am Ende eigenhaendig mehrere<br \/>Gepaeckstuecke, die sich auf dem Sperrgepaeckband ineinander verhakt hatten, entwirren. Das<br \/>Personal interessierte es wenig, dass ich da auf ihren Baendern rum turnte. Als wir endlich aus dem<br \/>Sicherheitsbereich raus waren, stand da Gott sei Dank noch immer unser Fahrer und wartete geduldig.<br \/>Er war die Ruhe selbst, nahm mir den Wagen mit den Koffern ab, so dass ich Vati kurzerhand auf die<br \/>Sitzflaeche des Rollators setzen und durch den Flughafen kullern konnte.<br \/>Die Fahrt war entspannt, der Fahrer kannte die Schleichwege an den grossen Checkpoints vorbei, und er<br \/>nuetzte die Fahrt, uns allerlei Landeskundliches und Politisches zu erlaeutern: So kann er nach Tel Aviv<br \/>fahren, weil er ein gelbes, also ein israelisches Kennzeichen, und kein blaues, also palaestinensches hat.<br \/>Er hat auch eine in Jerusalem, nicht in den Besetzten Gebieten ausgestellte Aufenthaltserlaubnis. Beides<br \/>ist Voraussetzung, um sich in den 1948 von den Israelis eroberten Gebieten bewegen zu koennen. Das<br \/>laesst er sich auch teuer bezahlen. Wir haben fuer die auf direktem Wege etwa 45-minuetige Fahrt,<br \/>anstatt der mit normalem Taxi und mehrmals umsteigen ueblichen $40.00, $150.00 bezahlt. Jeder guckt,<br \/>wo er bleibt. Es gibt keine Industrie, wo Palaestinenser arbeiten koennten, es sei denn, sie arbeiten fuer <br \/>Israelis, was viele tun muessen, damit sie nicht verhungern. So konnte ich es dem Fahrer gar nicht<br \/>uebelnehmen, dass er uns so ausgenommen hat. Es war ja auch vorher schon angekuendigt.<br \/>Wir fuhren durch den palaestinensischen Fruehling, durch wunderschoene Landschaft; alles bluehte,<br \/>alles stand in ueppigem Gruen. Die vertraute, jahrtausende alte Kulturlandschaft aus von<br \/>handgeschichteten Mauern getragenene Terrassen mit uralten Olivenbaeumen liess mein Herz<br \/>einerseits hoeher schlagen, andererseits ganz schwer werden. Es ist wunderschoen! Getruebt wurde<br \/>dieser Eindruck einzig aber dafuer erheblich von den Siedlungen, die sich wie Krebsgeschwuere<br \/>ausbreiten auf allen Huegeln in der Westbank. Sie sind teilweise riesig, richtige Kleinstaedte,<br \/>abgeschottet durch Stacheldraht und Wachtuerme. Mit der Aussenwelt verbunden sind sie ueber ein<br \/>gut ausgebautes und beleuchtetes Strassennetz, das immer wieder das schlaglochdurchsetzte und<br \/>ungesicherte Strassennetz der Palaestinenser kreuzt. Jedoch duerfen diese guten Strassen nur die<br \/>Israelis nuetzen. Es muss ihnen nicht ausdruecklich ueber Schilder gesagt werden; sie wissen es auch so.<br \/>Umgekehrt gibt es jedoch fuer die Israelis grosse hebraeisch und englisch beschriftete Schilder, die<br \/>eindringlich und ultimativ verbieten, in die palaestinensischen Gebiete zu fahren, ja auch nur die<br \/>Strassen zu nutzen, weil Lebensgefahr bestehe.<br \/>Im Hotelzimmer angekommen, moechte ich am liebsten gleich wieder kehrt machen. Das Ansar Suites<br \/>ist kalt und duester. Haette ich nicht Hemmungen vor Cousin Mazen, der fuer uns reserviert hat, wuerde<br \/>ich mir sofort was anderes suchen. Vati sitzt auf seinem Bett und ich stehe verloren in der Gegend rum<br \/>und weiss nicht so recht, wie nun weitermachen. Ich weiss nicht genau, wann Josef kommt, und er fehlt<br \/>mir schrecklich. Da klingelt es an der Tuer und Mazen stuermt herein, und mit ihm geht die Sonne auf.<br \/>Bin ich froh, ihn zu sehen! Er packt uns ohne viel Federlesen ein und bringt uns zu seinen Eltern. Ich<br \/>kannte diese Wohnung noch nicht, denn als ich sie das letzte Mal 2002 besuchte, wohnten sie noch im<br \/>elterlichen Haeuschen gleich neben Arafats Amtssitz, das frueher die israleische Militaerverwaltung von<br \/>Ramallah und noch frueher die der Britischen Mandatsbehoerde beherbergte. Sie hatten das kalte,<br \/>dunkle Haus irgendwann verkauft und gegen eine helle, moderne Wohnung auf einer Anhoehe<br \/>eingetauscht. Obwohl ich nun also das erste Mal hier war, fuehlte ich mich, wie immer bei Dar Abu<br \/>Mazen, sofort zuhause. Es sassen noch zwei Cousins im Wohnzimmer, denn Mazens Vater, Abu Mazen<br \/>eben, ist sehr krank, und die folgenden Tage machten ihm Gott und die Welt ihre Aufwartung.<br \/>(Nachtrag: zwischenzeitlich ist er gestorben, und ich bin froh und dankbar, dass wir ihn noch sehen und<br \/>uns von ihm verabschieden konnten, dann ich hatte seit einiger Zeit das Gefuehl dort hin zu muessen,<br \/>Abu Mazen und Um Mazen dringend sehen zu muessen). <br \/>Es kamen im Laufe des Abends noch mehr Leute, und zwischendrin auch Josef, mein Retter.<br \/>Wir wurden irgendwie zwischendurch abgefuettert, und ich hab dann wiederum Josef abgefuettert.<br \/>Ging alles.<br \/>War froh, schliesslich in Josefs Arm einschlafen zu koennen!<br \/>Vatis wichtigstes Ansinnen war es, nach Rantis, unser Heimatdorf, zu gehen, den Friedhof mit den<br \/>Graebern seiner Eltern und Verwandten zu sehen. Sonst wollte er eigentlich nicht viel. Mazen bot uns<br \/>an, mit uns am Freitag dorthin zu fahren, worueber ich froh war. Wir haetten es natuerlich auch allein<br \/>gemacht und hinbekommen, aber er ist ein Urgestein hier, das jeder kennt, und er ist vollkommen<br \/>unerschrocken. Nun war es aber erst einmal Mittwoch, und wenn ich mich recht erinnere, kam gleich <br \/>frueh morgens wieder Mazen in den Fruehstuecksraum des Hotels (der einzig warme und helle Ort mit<br \/>schoener Aussicht auf die Altstadt von Ramallah, einschliesslich Friends Girls School) und brachte uns zu<br \/>seinen Eltern, was mir einigermassen peinlich war, weil die noch im Nachthemd und gar nicht auf Gaeste<br \/>eingestellt waren; aber wie gesagt: Er ist recht unerschrocken. Wir verbrachten einen Teil des Tages<br \/>dort, warteten noch auf Onkel Sakher, Babas Kumpel aus der Halleschen Studienzeit, ein Palaestinenser<br \/>mit deutscher Mutter, die zwei Drittel ihres Lebens in Palaestina verbrachte und auch dort ihre letzte<br \/>Ruhestaette hat. Sakher also, die ewige Frohnatur, kam und plauderte mit uns und brachte uns dann zu<br \/>einer Mietwagenfirma. Wir beschlossen, ein Fahrzeug mit blauem, also palaestinensischem Kennzeichen<br \/>zu mieten, was uns zwar Fahrten aus der West Bank heraus in die israelischen Gebiete unmoeglich<br \/>machte, jedoch deutlich billiger war. Ausserdem war rasch klar, dass man mit Vati keine allzu langen und<br \/>beschwerlichen Fahrten wuerde machen koennen. Wir fuhren mit unserem frisch erstandenen<br \/>Mietwagen aus der Stadt raus in Richtung Birzeit, bogen vorher rechts ab und kamen an ein<br \/>palaestinensisches Wohnbauprojekt, fuer das Thyssen die Aufzuege geliefert hat. Setzten Baba auf die<br \/>schoene Gehilfe von Tanjas Seniorenheim und genossen die Landschaft:<br \/>Oliventerrassen, einfasst von Natursteinmaeuerchen, fruehlingsbunte Blumenwiesen am Fuss der<br \/>uralten Baeume, ueberall wilde Alpenveilchen, die in Palaestina \"Rehhoernchen\" heissen und deren<br \/>Blaetter mit Reis und Hackfleisch zu kleinen Rouladen gewickelt werden, wie gefuellte Weinblaetter;<br \/>ueberall Klatschmohn und wilder Thymian, dem Grundstoff jenes Innbegriffs des palaestinensischen<br \/>Grundnahrungsmittels, Sa'atar. Josef sprang sofort zum Auto und fand eine leere Tuete, so dass er<br \/>seinem Sammlertrieb nachgehen und als Reisetrophae selbstgepflueckten Thymian mitnehmen konnte. <br \/>Herrlich war diese halbe Stunde! Zurueck fuhren wir ueber Jifna, einem Vorort von Ramallah; die<br \/>obligatorische israelische Siedlung grenzt direkt an Jifna und raubt ihm den Lebensraum, die Luft zum<br \/>Atmen. Stacheldraht, haessliche hohe Mauern, Wachtuerme, dahinter die andere Welt: die der Siedler,<br \/>die keinerlei Unrechtsbewusstsein haben, die glauben, sie gehoerten dorthin, die glauben, dass<br \/>ausserhalb ihrer Mauern Wilde leben, die man nicht als Menschen betrachtet, sondern als laestiges<br \/>unzivilisiertes Geschmeiss.<br \/>Ich glaube, am Nachmittag gingen wir nochmals zu Abu Mazen und lungerten dort noch ein bisschen<br \/>herum. Onkel Samih wollte uns partout zum Abendessen in irgendein neues Restaurant in Ramallah<br \/>einladen, aber wir waren uns einig, dass wir dem wenig abgewinnen koennen und baten ihn,<br \/>stattdessen ins Hotel zu kommen. Dort sassen wir mit ihm und seiner Frau, Tante Nahida, im 9.<br \/>Stockwerk in so einer Art Shishakneipe cum Restaurant. War ein bisschen schummrig und alkoholisiert,<br \/>aber es sassen auch Frauen mit Kopftuch und Kinder herum; da dachte ich, dass man das auch dem zum<br \/>konservativen Muslim mutierten Onkel zumuten kann. Sie ruempften die Nase und fassten nichts an,<br \/>verschmaeten erwartungsgemaess das von Josef angebotene Glas Wein, blieben jedoch ein Weilchen.<br \/>Es war das Einfachste, weil wir nicht wussten, wie lange Baba durchhalten wuerde.<br \/>Onkel Sakher hatte uns fuer den Mittwoch nach Nablus eingeladen. Baba hatte auch Lust dazu. Ich hatte<br \/>vorher Kontakt mit Uschi und Abbas in Birzeit aufgenommen, und wir haben verabredet, nach dem<br \/>Fruehstueck fuer ein paar Stuendchen zu ihnen zu kommen, um dann nach Nablus weiterzufahren. Sie<br \/>hatten auch beide mit Baba in der DDR studiert, haben 6 Kinder und leben schon immer in Palaestina.<br \/>Baba und Abbas sassen auf der Holywood-Schaukel auf der Terrasse hinter dem Haus und schwiegen<br \/>sich, wie mir schien, zufrieden an, waehrend Uschi uns voller Stolz ihren Garten zeigte (Josef sammelte<br \/>wiederum: diesmal Rosmarin). <br \/>Nablus mussten wir dann am Ende streichen. Das war zu viel fuer Baba. Brachten ihn nach dem Besuch<br \/>bei Abbas ins Bett, wo er auch den Rest des Tages blieb. Ich fuhr nochmal zu Dar Abu Mazen, weil Maha,<br \/>seine Tochter, dort war und an diesem Abend wieder abreisen sollte. Als ich nach 2 Stunden wieder ins<br \/>Hotel kam, lag Baba im Bett und Josef sass an seinen Geschaeftsmails. Baba wollte nicht mehr<br \/>aufstehen, auch nichts essen. Wie holten uns die Erlaubnis, ein Bierchen trinken zu gehen und gingen ins<br \/>\"Beit Anisa\", ein huebsches altes Ramallah-Haus mit rotem Pyramidenschindeldach, wahrscheinlich nach<br \/>seiner ehemaligen Besitzerin benannt, und jetzt eine nette Kneipe mit Taybe-Weizenbier. Als wir da so<br \/>gemuetlich an der Bar sassen und uns warm plauderten, kamen Maria, Omar und Shireena rein, Mazen's<br \/>Frau und Kinder. Wir tranken mit ihnen gemeinsam noch etwas und trollten uns ins Bett.<br \/>Ich weiss nun nicht mehr, wie wir den Donnerstag verbrachten, aber abends brachte uns Mazen mit<br \/>Maria und Omar in eine gemuetliche Taverne in Birzeit, wo wir den von uns mitgebrachten WolfgangBlass-Wein koepften und uns von der Hausfrau bekochen liessen. Es war ein sehr schoener Abend. Auch<br \/>Baba fuehlte sich wohl, trank ein Glaeschen.<br \/>Am Freitag trafen wir uns wiederum morgens bei Abu Mazen. Obwohl er wirklich schon vom Tod<br \/>gezeichnet war, war er noch immer eine Authoritaet mit Ausstrahlung. Dass der Tod bereits in seinen<br \/>Augen stand, hat man nach kurzer Zeit mit ihm wieder vergessen, nicht mehr wahrgenommen. Er wies<br \/>seinen Mitarbeiter, der in Rantis lebt, kurzerhand per Telefon an, fuer uns \"Imsakhan\" zu kochen, eine<br \/>echte palaestinensische Fellahi-Spezialitaet: riesige Brotfladen, bestrichen mit viel Olivenoel und<br \/>Ziebeln, die zuvor im Oel und Summak, einem Sauerpulver, geduenstet werden, dazu halbe Haehnchen,<br \/>mit derselben Mischung bestrichen, das Ganze gegart in einem speziellen Ofen, dem Tabun. Es war uns<br \/>ganz peinlich. Die Leute kennen uns nicht einmal!<br \/>Schliesslich fuhren wir los. Ich freute mich, dass Maria mit kam. Sie fuhr mit Josef und mir im Auto,<br \/>waehrend Baba bei Mazen mitfuhr. Sie erzaehlte mit ihrer gesunden Distanz viel ueber die Familie,<br \/>stopfte ein paar meiner Wissenluecken. Wir machten eine schoene Runde aussen um Rantis herum,<br \/>plauderten mit dem Sohn des Mukhtar (Dorfaeltesten) von Luban, Rantis's Nachbardorf. Er und seine <br \/>ganze Familie standen in einem Bohnenfeld und schnasselte die frischen Bohnen. Er kannte Baba.<br \/>Weiter ging es zum Badeloch; einem natuerlichen, fast kreisrunden Felsbecken von ca 20 m<br \/>Durchmesser und 5m Tiefe, das immerhin zu einem Drittel mit Wasser aber auch mit ein bisschen Muell<br \/>gefuellt war. Mazen wusste, dass die Kinder des Dorfes frueher dorthin kamen zum Planschen. Unweit<br \/>hiervon entfernt stand ein Gasbohrturm; man hatte in Rantis schon vor Jahren Erdoel gefunden. Jedoch<br \/>hatten die Israelis die Foerderung unterbunden. Erst nachdem der Grenzzaun gebaut war, jene<br \/>Apartheid-Mauer, die ganz Palaestina durchschneidet, wobei alles von Wert auf israelischer und<br \/>trockenes, oedes Land auf palaestinensischer Seite gelandet ist. Also ist auch der Foerderturm auf der<br \/>anderen Seite. Wie kann es anders sein?<br \/>Das Essen war sehr liebevoll gemacht. Aber leider machte uns Baba einen Strich durch die Rechnung;<br \/>das Essen bekam ihm nicht. Dies sollte unserer Stimmung jedoch keinen Abbruch tun. Die Gastgeber<br \/>waren sehr freundlich und offen, und wir haben uns wohl gefuehlt. <br \/>Es stiess dann noch ein Cousin von Baba zu uns. Gemeinsam mit ihm fuhren wir schliesslich zum<br \/>Friedhof, bevor es zu spaet wurde. Ich war dankbar und froh, die Graeber sehen zu koennen und<br \/>wuenschte mir mehr Stille und Andacht. Aber wir waren ein froehlich quasselnder Haufen. Baba wurde<br \/>irgendwann muede und setzte sich auf einen Stein zwischen die Graeber seiner Eltern, Tanten und<br \/>Onkels. Josef meinte, er saehe aus als wolle er bleiben.<br \/>Unser Kneipenbesuch war vielleicht auch nach dem Tag in Rantis. Ich weiss es nicht mehr genau.<br \/>Jedenfalls stand am Samstag noch Jersalem an. Es war die letzte Moeglichkeit. Nachdem klar war, dass<br \/>wir mit Baba kaum die Grabeskirche oder die Sachra, den Felsendom, zu Fuss wuerden erkunden<br \/>koennen, man jedoch in die Altstadt mit dem Auto praktisch nicht hinein kommt, haben wir einen<br \/>Fahrer mit gelbem Kennzeichen gemietet und sind einmal zur \"Fotop\" auf den Oelberg. Mehr wollte Bab<br \/>nicht. Er wollte nur einen Blick auf die Altstadt und auf die goldenen Kuppel werfen. <br \/>Auf dem Rueckweg hielten wir in Beit Hanina in einem Cafe, weil dem Fahrer leider nichts anderes<br \/>einfiel, wo wir in Jersualem selbst noch in ein arabisches Cafe haetten gehen koennen. War auch ok,<br \/>wenn auch nicht so romantisch. Jetzt im Nachhinein faellt mir ein: Wir haetten in das American Colony<br \/>Hotel gehen koennen, mit seinem wunderschoenen Innenhof. Zu spaet.<br \/>Baba war es ganz wichtig, dass wir fuer seine Lieblingsschwestern im Voehringerhaus noch etwas<br \/>mitbringen. Wir fuhren auf den letzten Druecker vor Ladenschluss noch nach El Bireh, der Nachbarstadt,<br \/>eigentlich ein Stadtteil von Ramallah, zu \"In3ash al Usra\", jener Organisation, die schon seit Jahrzehnten<br \/>die Tradition der palaestinensischen Kreuzstickerei am Leben erhaelt, indem sie besonders Frauen in<br \/>den Doerfern, die nur so zum Lebensunterhalt beitragen koennen, Garnballen und Stoff gibt, die diese<br \/>dann in Heimarbeit zu wunderschoenen Kissen, Tischdecken, Tagesdecken, Wandteppichen und vor<br \/>Allem zu \"Thobs\", dem palaestinensischen Dirndl, also der traditionellen Frauentracht, verarbeiten. <br \/>Dort also noch rasch einige huebsche Teile erstanden und dann nix wie ins Hotel. Baba hat super<br \/>durchgehalten.<br \/>November 2014<br \/>Nun ist es schon zu lange her; Einzelheiten weiss ich nicht mehr. Aber der Rueckflug war nochmal<br \/>dramatisch , weil der Flug ab TLV Versaeptung hatte und ich fuerchtete, den Anschluss nach STR nicht zu<br \/>bekommen. Rief dann Tanja an, die sich kurz entschlossen mit Barbara ins Insel-Buessle setzte und uns<br \/>in FRA abholte, Baba gleich aus der Ankunft holte und ihn erstmal mit reichlich Zigaretten versah,<br \/>waehrend ich das Gepaeck holte.<br \/>Im Grossen und Ganzen war es eine gute Reise. Ich weiss nicht, wie ich sie ohne Josef je durchgestanden<br \/>haette. Er war heldenhaft, und nicht nur ich, auch Baba, war ihm, ist ihm, sehr, sehr dankbar.<br \/>Wir haben ein Fotobuch von der Reise gemacht. Eine Kopie ist bei uns, eine bei Baba (Er sagt, er schaue<br \/>es sich immer wieder an), und eine haben wir nach 6 Monaten schliesslich von einem Kollegen Josefs<br \/>nach Amman mitnehmen lassen, der es dort in der Niederlassung gelassen hat, wo es wiederum Maha<br \/>abgeholt und ihrer Mama uebergeben hat.<\/p>","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.rijo-travel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/168","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.rijo-travel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.rijo-travel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rijo-travel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rijo-travel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=168"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.rijo-travel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/168\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":171,"href":"https:\/\/www.rijo-travel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/168\/revisions\/171"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rijo-travel.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/73"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.rijo-travel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=168"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rijo-travel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=168"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.rijo-travel.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=168"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}